Montag, 20. Januar 2014

Black Bachelors

Meine Hoffnung, online die große Liebe zu finden, hatte ich bereits in dem Moment aufgegeben, als ich anno dazumal ein Profil auf Black-Flirt erstellte. Meine Intention, diese Website für mehr oder weniger stilvolle Unterhaltungen und das Finden von Gleichgesinnten zu nutzen, wurde leider oft missverstanden – dafür bekam ich mannigfaltiges Studienmaterial an die Hand, wie Online-Singles ticken. Vor allem solche, die sich in der mir nicht ganz fremden schwarzen Szene bewegen.
Zum Glück beginnt und endet meine Online-Dating-Karriere mit Black-Flirt. Dennoch wage ich die Vermutung, dass sich ähnliche Stereotypen, wie unten beschrieben, genauso häufig auf "Normalo"-Plattformen tummeln. Bühne frei für die Binärromeos dieser Welt!


Der Copy-Paste-Charmeur
Um bei diesem Kontaktjongleur noch dem Irrglauben anheim zu fallen, man hätte als Einzige durch herausragende Qualitäten seine Aufmerksamkeit geweckt, müsste man schon eine jungfräuliche Einsiedlerin sein, die zum ersten Mal die Genüsse des Online-Datings für sich entdeckt.
Zeit ist Geld, und wenn man noch so viele hübsche Damen mit Nachrichten zu beglücken hat, bleibt eben keine Zeit, Romane zu schreiben. Deswegen beschränkt sich unser effiziente Herzensbrecher auf Schlüsselsätze wie "Hi, wie geht's dir?", "Ich bin über dein Profil gestolpert" (na hoffentlich ohne bleibende Verletzungen!), "Du bist sehr hübsch" und ähnliche Perlen der Konversation.
Wenn er in die Korrespondenz oberflächliche Bezüge zum Profil der Angebeteten einfließen lässt, die über die Bewunderung ihrer Oberweite hinausgehen, kann man getrost die Hochzeitsglocken läuten.
Diesen Hansdampf in allen Gassen auf mangelnde Kreativität hinzuweisen, bringt nichts. Während man eine empörte Nachricht zu Ende getippt hat, hat er bereits ein weiteres Bundesland mit Fließband-Plattitüden erobert. Keine Angst, eine ausbleibende Antwort bricht ihm nicht das Herz. Es gibt genug Verzweifelte, die sich auch über ein "Was machst du gerade" freuen.


Der Jackpot
Kaum hat man sich von der Verzückung beim Studieren seines Profils erholt und den Sabber von der Tastatur gewischt, stellt sich die Frage: Wie kann so jemand noch Single sein? Gutaussehend, eloquent, wohlhabend, erfolgreich ... Nichts wie her damit, so einen Traumprinzen findet man nur einmal im Leben!
Zumal dieses Ideal von Mann auch beim Gegenüber nicht mit Superlativen geizt. Hat man sich entgegen aller Minderwertigskeitskomplexe an ihn herangewagt, findet man nach raschem Nachrichtenwechsel heraus, genau die Frau zu sein, auf die er sein (alterstechnisch meist fortgeschrittenes) Leben gewartet hat. Das würde sich erst recht bestätigen, wenn die Holde ihm in regelmäßigen Abständen freizügige Bilder zukommen ließe ... aber was tut man nicht alles für die große Liebe.
Als in der Schule romantische Gedichte durchgenommen wurden, hat dieser Marty Stu* als Einziger aufgepasst und weiß daher seiner Angebeteten in gewählter Sprache zu vermitteln, dass sie die Schönste, Anziehendste und Liebenswerteste ist. Damit es nicht zu kitschig wird, fragt der Mann von Welt seine Herzensdame gerne beiläufig um Rat, ob er sich nun einen neuen Mercedes oder einen BMW anschaffen soll. Natürlich erst, nachdem er von seiner Weltreise zurückgekehrt ist. Hach ...
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* Marty Stu = männliche Version der Mary Sue (Prototyp einer ebenso perfekten wie sterbenslangweiligen Romanfigur)


Der Waldschrat
Was dieser Eigenbrötler auf einer Plattform verloren hat, die dem lockeren Kontakteknüpfen dient, bleibt ein Mysterium. Genau wie seine von undankbaren, beschränkten Zeitgenossen verkannte Persönlichkeit. Nur eine Konstante ist klar erkennbar: Er hasst alles und jeden, hat in seinem Leben nichts als Enttäuschungen erlebt und weiß ganz genau, was er NICHT will. Nämlich dich. Genau dich. Jedem trven Black-Metal-Puristen würde das Corpsepaint verlaufen vor Freudentränen angesichts dieses personfiizerten Ideals.
Hat man sich in einem suizidalen Moment durchgerungen, diesen Misanthropen zu kontaktieren, versteht man nach wenigen Zeilen, woher die scheinbar selbst gewählte Einsamkeit rührt. Selbst auf Gleichgesinnte, die seinen Ansprüchen gerecht werden, reagiert er im schlimmsten Fall mit bitterer Skepsis, im besten Fall (* schluck *) mit Lamentationen über sein unerfreuliches Dasein. Am liebsten würde man einen Jahresvorrat Tavor digitalisieren und ihm zukommen lassen, aber das lässt nicht einmal ein Premium-Account zu.
Bleibt nur zu hoffen, dass sich irgendwann eine geduldige Seele findet, den Panzer aus Weltschmerz zu knacken. Bis dahin bleibt dem erwachsenen Emo seine linke Hand treu. Die findet er auch ohne Kontakt-Annonce.


Der Super-Duper-Dom
Diesen Menschenschlag gibt es in unterschiedlichen Geschmack(losigkeit)srichtungen – entfernt mit dem Jackpot-Typen verwandt, aber nicht halb so unterhaltsam.
Hat sich dieser Egomane, wie der Titel besagt, dem BDSM verschrieben, so ist die Schlagrichtung seiner Kontaktaufnahme folgende: Er hat die potentielle Unterwürfige anhand ihres Profils auf Herz und Nieren geprüft und sie für würdig befunden, ihm zu dienen und ihm die Füße zu küssen. Sofort, jetzt und in alle Ewigkeit. Reklamationen gibt's nicht, und welche unbedarfte Frau würde eine solche Ehre auch zurückweisen wollen?
Seine softere Ausführung begnügt sich mit einer großspurigen Nachricht zwischen Tür und Angel, dass er die Auserwählte für eines Treffens würdig hält und sie ihn gerne kontaktieren darf – meistens mit gleich beigefügter Handynummer. Natürlich darf nicht der Disclaimer fehlen, dass er längst nicht jede anschreibt und dass dieses Kontaktangebot bereits eine Auszeichnung ist, die auszuschlagen einfach nur dämlich wäre.
Die Profilbilder und weiterführenden Angaben solcher wandelnden Superlative glänzen meist durch ... Abwesenheit. Ihre Großartigkeit müssen sie schließlich nicht unter Beweis stellen, und wenn die Angebetete das ihr zuteil gewordene Glück hinterfragt, dann liegt hier wohl ein Irrtum vor. Wobei, solche Prachtexemplare irren sich bekanntlich ja nie.


Die Einbahnstraße
"Offen und ehrlich", "unkompliziert", "weiß was er will" – gegen solche Prämissen ist erst einmal nichts einzuwenden. Bestimmt auch nicht dagegen, dass der Mann, der sich dahinter verbirgt, mit seiner Auserwählten offen und ehrlich Schweinkram austauschen will, nach unkomplizierten Sexkontakten sucht und genau weiß, welche Bedürfnisse er befriedigt haben will. Beim Verfolgen seiner Ziele nimmt er kein Blatt vor den Mund und ist auch nicht zimperlich, Vorbehalte aus dem Weg zu räumen. Einige Nachrichten mit belanglosem Small-Talk, die bereits mit eindeutigen Andeutungen versetzt sind, decken bei diesem Potenzwunder sowohl Werbephase als auch Vorspiel ab. Wenn nach dieser Ouvertüre noch keine hüllenlosen Offenbarungen seinen Bildschirm zieren, wird er unruhig bis aggressiv.
Ebenso wie beim Copy-Paste-Charmeur ist Widerstand zwecklos. Auch mehr oder weniger bissiger Humor rettet einen nicht vor der Keule, man sei prüde, nicht aufgeschlossen genug oder schlichtweg langweilig, wenn man Mr. Direkt nicht sofort das gibt, was er will. Bevor er die virtuelle Tür zuknallt, lässt er gerne zum Abschied den Vorwurf da, man hätte mit ihm gespielt und unnötige Erwartungen geweckt. Wie denn? Durch das Lesen der Nachricht?


Und weil es so schön ist, und die Welt nicht schwarz weiß, sondern grau skaliert ist, gibt es von diesen Grundtypen (und denen, mit denen ich nicht das Vergnügen hatte oder die ich vergessen habe) diverse Mischformen.


Da ich beileibe keine verbitterte Feministin bin und außerdem eine Schwäche für Symmterie habe, rufe ich nun meine männliche Leserschaft (welche Leserschaft, höhö) auf: Habt ihr ähnliche Stereotypen bei Damen im Online-Dating ausmachen können? Wenn ja, freue ich mich über eure Erfahrungen und weiteres Material.






Kommentare:

  1. Die Selbst-Idealistin

    Sie ist anders. Anders als alles anderen. Sogar anders als sie selbst. Sie gibt in ihrem Profil bisexuell an, und will ausschließlich polyamore Beziehungen führen, weil alles andere sie in Konformität bindet. Es ist lediglich dem Zufall geschuldet, dass sie ausschließlich heterosexuelle monogame Beziehungen führt.

    Bevor du sie anschreiben darfst, musst du deine gleichartige Andersartigkeit beweisen, indem du aufmerksam ihr Profil studierst. Denn es gilt die Herausforderung zu meistern, basierend auf ihrem herausragend durchschnittlichem Profil, eine vor Eloquenz, Charm, Originalität und Intelligenz sprühende Nachricht zu schreiben. Weniger hat sie auch nicht verdient, immerhin ist sie etwas Besonderes.

    Damit es nicht so schwer wird, gibt sie dir vor, dass sie wahnsinnig gerne diskutiert und sich Kritik stellt, weil sie total offen und selbstkritisch ist. Ein Angebot, dass man allerdings nicht allzu wörtlich nehmen sollte, denn eigentlich ist sie zu besonders um sich zu irren und deshalb ist jede Kritik, ein persönlicher Affront, der nur beweißt, dass du sie nicht verstehst, weil du genau wie alle anderen bist.


    Die Feministin

    Ähnlich, wie das stolze Volk der Vulkanier mit dem Pon farr, ist die Feministin mit dem Fluch einer heterosexuellen Libido bestraft, die sie zwingt, sich vom Pfad der Reinheit und Vernunft abzuwenden, um ihre niederen Gelüste am virilen Subjekt zu befriedigen.

    Ihr Profil ist daher eine einziges Negativfläche, die eine vollständig Definition dessen enthält, was sie nicht will. Ein Regelwerk, dass umfassender und komplexer ist, als die Office Open XML Specification (Sorry, für den Nerd-Humor). Jeder Fehltritt wird mit blankem Hass und der Drohung alles daran zu setzen, dich von der Plattform zu bannen, bestraft.

    Warum du sie anschreiben solltest? Es geht wohl immer nur um dich und deine Männergefühle, oder? Das Bewusstsein darum, dass du einmal in deinem Leben, auf eine Frau Rücksicht genommen hast, sollte als Motivation mehr als ausreichend sein.

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    1. Wow! Chapeau! Bin wahnsinnig froh, dass jemand tatsächlich meinem Aufruf gefolgt ist, und dann auch noch so treffend und stilsicher - vielen Dank für diese Bereicherung des Beitrags. *Auf die Knie geh* Willst du mein Co-Autor sein? :D
      Die beiden Typ(inn)en, die du hier schildert, kann ich in den wenigen Frauenprofilen, die ich mir bisher angetan habe, auch wiederfinden. Hinzuzufügen wäre evtl noch die weibliche Version des Emo-Waldschrats: Die einsame und unattraktive Individualistin, die sich in ihrem Profil seitenwesie darüber auskotzt, wie sehr sie doch verletzt wurde und dass sie das Suchen aufgegeben hat und mimimimimi...

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    2. Danke für die Blumen^^.

      Ich finde übrigens, dass du ziemlich gut schreibst, deshalb wunderts mich auch, dass der Blog bisher nicht soviel Resonanz bekommt :/

      Co-Autor: Lieber nicht. Ich hab' nämlich auch so meine Probleme damit Sachen regelmäßig zu machen :-P

      Emo-Waldschrats kann ich mir gut vorstellen^^. Leider war meine OKCupid-Episode zu kurz, um mehr Stereotype einzusammeln.

      Hoffe du bloggst noch mehr.

      Grüße

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    3. Ich wage mal die Vermutung, dass die fehlende Resonanz daher rührt, dass es eben kein "typischer" Blog ist von so "Was mit Medien"-Hipstern, die aus dem Starbucks um die Ecke über die Gründerszene und die heilige Mission des Veganismus bloggen. Mein Blog bedient ja nicht einmal ein eindeutiges Nischen-Thema. Aber das macht nichts, solange es auch nur wenige Leute lesen, dafür aber mit Vergnügen, sind meine Ambitionen vollends befriedigt.

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    4. Ich guck übrigens regelmäßig nach neuen Beiträgen. Ich will natürlich keinen Druck machen, aber dachte mir, vielleicht motivierts, dass da Menschen auf deine Schreibtätigkeit warten^^

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  2. Rapunzel auf der Erbse

    Ähnlich wie Rapunzel ist diese Spezies von Frauen höchstens über ihre Haare beziehungsweise eine selten kontrollierte Nachrichtenfunktion zu erreichen.
    Das Gästebuch ist logischerweise blockiert um ihren Traumprinzen von anderen zu unterscheiden, da er ihr ja schreiben muss.
    Wenn dann noch das Profil leer ist oder den Satz "schreibt mir wenn ihr etwas wissen wollt" als einzigen Inhalt hat ist das Profil schon fast perfekt.
    Da fehlt dann nur noch das höchst selektive Verhalten wobei sich Rapunzel von der Erbse hier sehr viel vom Copy-Paste Charmeur abgeschaut hat.
    Eine unpersönliche Nachricht man entspreche ihren Vorstellungen nicht oder sei ihr nicht würdig ist oft das einzige was man auf eine Frage nach etwas mehr Informationen noch bekommt.
    Oft enden auch diese Gespräche wenn sie denn zustande kommen nach drei bis vier Nachrichten und verschwinden in den Tiefen der Archive.


    Eduarda Elena Poe

    Edgar Allan Poe's verschwundene Tochter, zumindest liesse sich das aus ihrem Profil so schliessen.
    Hier muss man jedoch vorsichtig sein und noch zwei Unterarten erkennen. Die erste Art ist Madame du Selbstgemacht die sich wenigstens noch die Mühe gemacht hat ihre Gedichte selbst zu schreiben und damit ihr Profil komplett zuzutapezieren, um aus einem solchen Profil wenigstens ein wenig über die Person zu erfahren braucht man schon einen Abschluss in Psychologie, Germanistik und allem was mit Textinterpretation zu tun hat um die edle Künstlerin nicht auch nur ansatzweise zu beleidigen.

    Madame von und zu Internet, die zweite Unterart von Eduarda Elena Poe ist oft das Mädchen, dass es mit dem Copyright oft ein wenig locker sieht und munter vor sich herzitiert bis das Profil einem Club der toten Dichter ähnelt und auch hier keine persönliche Information vorhanden ist.


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  3. Die Filteranlage
    Eine der meist angenehmeren Arten da so gut wie unmissverständlich hat diese Spezies oft einen Katalog and Kriterien denen man idealerweise auf den Punkt entspricht.
    Oft hergeleitet aus diversen und oft schlechten Erfahrungen mit diversen Nutzern sind diese Kriterien mal mehr und mal weniger erfüllbar aber oft noch in einem verständlichen Rahmen.
    Jedoch gibt es auch hier Extremfälle der besonderen Art wenn nämlich die Filteranlage und Rapunzel von der Erbse mit der Selbst-Idealistin von Kinch da oben treffen und zu einer Person verschmelzen. In einem solchen Fall sind Ausschlusskriterien wie Augenfarbe, Haarfarbe, Grösse, Parteizugehörigkeit *hust* und Spermienaktivität teilweise auch schon anzutreffen und führen zum seltenen Phänomen der idealistisch leicht schrägen Erbenbereinigung noch bevor man sie überhaupt ansehen darf.

    Madame von damals.
    Jaja die 90iger waren schon schön, wisst ihr noch als die Pferde noch das einzig schnelle waren und Pfeil und Bogen zu ehren Thors durch die Lüfte flogen? Nee? Gut die Dame meist ehrlicherweise auch nicht sondern mehr so WoW mässig und so?
    Diese Spezies ist oft auf Mittelalterfesten anzutreffen, ist nach eigener Aussage die beste Bogenschützin in ganz Sherwood forest und würde am liebsten auf alle Technik bis auf ihren Computer verzichten.
    Sie ist die von der die Gamer weltweit vorerst träumen bis sie ihnen zu anstrengend wird was durch ihre freie Natur und den Zwiespalt mit dem hausinternen Pommeskind sehr schnell passieren kann.
    Für nicht-Gamer oder wie sie sie oft nenn Noobs, unwürdige oder unerfahrene ist sie zwar noch teilweise zu erreichen, erwartet aber einen Mindeststandart and Grundwissen der Gamingindustrie.

    Womit wir zur härteren Variante der Vorgängerin kommen...

    Das Pommeskind
    Oft AFK weil COD und LoL ihr kennt das ja. Madame ist total versunken in eine virtuelle Welt was meist kein Problem ist solange sie ihre Untergrenzen an Körperpflege und Anstand nicht unterschreitet, denn falls das geschieht entsteht ein Pommeskind.
    Unanständig mit einer äusserst unattraktiven Wortwahl und einem an Legasthenie grenzenden ausmass an furchtbaren Schreibfehlern hat diese Spezies einen IQ der oft unter der aktuellen Zimmertemperatur liegt und für die meisten anderen kurzzeitig interessant bis sich das Pommeskind in seinem vollen Ausmass zeigt und sämtliches Interesse sich in ein anwiderndes Horrorschauspiel des Grauens verwandelt in dem sowohl Niveau als auch Hoffnung an sämtliche Formen des Online-Datings flöten gehen.

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Für Autogrammwünsche, Morddrohungen und die obligatorischen empörten Aufschreie.